nervtötende Vorweihnachtszeit?
Nein, ich habe niemanden von der Gästeliste gestrichen!
Ich habe nur beschlossen, mit einer Tradition zu brechen und mein Atelierfest nicht mehr in der Vorweihnachtszeit stattfinden zu lassen.
Warum? Ich habe es einfach satt, mit den ganzen Weihnachtfeiern zu konkurrieren, die schon ab November überall stattfinden und die mindestens ein Drittel meiner Freunde verhindern, zu meinem Atelierfest zu kommen. Diese Weihnachtsfeiern sind eine richtige Pest geworden! Zusammen mit unzähligen Verkaufsveranstaltungen machen sie aus der Vorweihnachtszeit eine Art Hindernislauf, an dessen Ende man japsend feststellt, dass man die Baumkerzen vergessen hat, das Weihnachtsgeschenk für die Schwiegermutter fehlt und man überhaupt nicht mehr die geringste Lust hat, Weihnachten zu feiern.
Da will ich nicht mehr mitmachen.
So bedeutend war der Umsatz auf meinem Atelierfest wirklich nicht, als das ich nicht drauf verzichten könnte, mich in die nervensägende Schar der Weihnachtsprofitler einzureihen.
Das Fest wird also diesmal und auch sonst in den nächsten Jahren im grässlichsten Monat des Jahres stattfinden: im Februar, dann, wenn man eine Aufheiterung gut gebrauchen kann. Im Februar, wenn man den Winter mehr als satt hat, wenn man den Frühling so sehr herbeisehnt, dass man sich vor lauter Ungeduld zu dünn anzieht und immer Schnupfen hat, in diesem Matschmonat des immerwährenden grauen Himmels und des schauderhaften Schneeregens, dem kürzesten aller Monate, der trotzdem nie zuende gehen will und der das Wort Urlaub nicht kennt. Dann werden wir ein Atelierfest feiern, das auch sonst noch ein paar Traditionen über Bord werfen wird, denn es wird genug Bier auf dem Balkon stehen, und mir wurde schon ein selbstgebeizter Lachs versprochen und andere kulinarische Extravaganzen, die die Schmalz - und Leberpastetenvorherrschaft brechen werden.
Und wenn mich der Teufel reitet, könnte es sein, dass ich mir eine strenge Kleiderordnung ausdenke - wenn ich Lust habe, klein und gemein zu sein - denn ich weiß zwar, dass die Männer immer in ein lautes Wehgeschrei ausbrechen bei solchen Ankündigungen, aber die Frauen freuen sich meistens heimlich, selten getragene Prachtgewänder aus den Schränken zu ziehen oder sich sogar Verkleidungen auszudenken - und am Ende macht es doch allen Spass. So ein Fest wird viel glanzvoller, wenn man sich vorher ein bisschen Mühe gegeben hat.
Ein sehr erleichternder Beschluss war das jedenfalls für mich. Ich machs mir gemütlich und bereite in Ruhe mein kleines Weihnachtsfest vor - ich hab das nämlich immer noch gerne, wenn die Wohnung nach Tanne riecht und Wachskerzen, wenn ich kleine Geschenke verstecke, mir ein Essen ausdenke, saubermache, einen Baum behänge. Dann muss alles dunkel, geheimnisvoll und festlich sein, jeder muss sich in Schale werfen und zum Schluss, wenn überall raschelndes Geschenkpapier herumliegt, setzt man sich vors Feuer und trinkt alte, kostbare Getränke.
Falls jemand noch nicht weiß, welchen Nachtisch es zu einem Weihnachtsessen geben könnte, hier ein Vorschlag von mir:
Weihnachtstrifle
Ein Trifle ist die englische Antwort auf Tiramisu, einfach herzustellen und ungleich variationsreicher. Man braucht für ungefähr vier Leute diese Zutaten:

drei bis vier Orangen
ein bis zwei Becher Sahne
eine Reihe Löffelbiskuits
eine Handvoll Minibaisers
eine halbe Packung Selbstmörderkekse (Das sind die weichen Kekse mit Orangenfüllung, vermittels derer man Selbstmord begehen könnte, weil man nicht aufhören kann, sie zu futtern)

Man zerkleinert das Kekszeugs und packts in eine Schüssel.

Dann schält man die Orangen mit einem sehr scharfen Messer so, dass auch die weiße Haut der Spalten verschwindet. Sind es Bio-Orangen, kann man vorher ein bisschen Schale in eine andere, große Schüssel reiben.

Vorsichtig die Spalten aus der Schale herausschneiden. Ich finds wichtig, das keine Spaltenhaut im Trifle landet. Das verdirbt das ganze Trifle.

Aus den Überresten der Orangen mit der Faust den restlichen Saft in die große Schüssel pressen und die Spalten mit dem Kekszeugs vermischen.

Man braucht in der großen Schüssel ungefähr ein kleines Glas Orangensaft. Möglicherweise presst man noch eine zusätzlich aus. Jetzt gießt man die Sahne in dünnem Strahl dazu und schlägt das Ganze ununterbrochen mit dem Schneebesen dabei.

Nun kann man würzen: Ich mag Muskat am liebsten dazu. Aber tut euch keinen Zwang an, wenn ihr Zimt, Nelken oder Cointreau gut findet. Kann man ja machen. Ich beschränke mich auf Muskat.

Dann wird solange geschlagen, bis die Creme weiche Spitzen bildet. Zucker in der Creme ist unnötig, das Ganze ist süß genug.

Zwei Drittel der Creme über das Kekszeugs und die Orangenspalten gießen.

Alles gut vermischen.

Den Rest der Creme obendrauf verteilen, glattstreichen und mit ein paar Minibaisers verzieren - oder auch nicht, ist mir doch egal.

Jetzt mindestens drei Stunden ziehen lassen. Länger ist besser.
So, fertig.
Man kann ein Trifle richtig gut variieren. Ein Sommertrifle zum Beispiel: anstelle der Orangen nimmt man Himbeeren, die Sahne wird mit Himbeersaft angerührt (hier braucht man Zucker) und man verwendet nur Biskuits. Das wird ganz leicht und duftend.
Oder man macht ein sehr elegantes Trifle aus Kirschen und anstelle von Biskuits nimmt man Amarettini. Da kann man die Sahne mit Rotwein und einem Hauch Bittermandelaroma anrühren. Faustregel für die Creme ist: Halbsoviel Flüssigkeit wie Sahne.
Ausserdem kann man ohne Bedenken große Schüsseln voll davon herstellen, weil es am nächsten Tag noch besser schmeckt und jeder heimlich darin rumlöffelt, bis alles aufgefuttert ist.
Achja: Ich habe die Kommentarfunktion von allen Einschränkungen befreit und nu muss ich zwar wieder andauernd Spam löschen, aber ihr könnt wieder einfach so kommentieren, ohne euch anmelden zu müssen. Über ein paar Trifle-Ideen würde ich mich freuen.
Frohe Weihnachten!
Am 19. Dezember 2009 um 20:40 Uhr
Heidel, du sprichst mir aus dem vorweihnachtlichen Herzen! Ich habe wunderbare Duftkerzen entdeckt “Aunt Sadies Tree in a can” wenn man die Augen schliesst riecht man die Tanne, den Rest stelle ich mir vor….Noch ein Vorschlag zur Verwertung der BioOrangenschalen: selbstgemachte kandierte Orangenschalen, entweder in Schokolade getaucht als Konfekt oder als herrliche Zutat in den Pfeffernüssen oder Lebkuchen.
Mit einem scharfen Messer alles Weisse von den Schalen entfernen. In Streifen schneiden und in einem Topf bedeckt mit kaltem Wasser ansetzen. Zum Kochen bringen, das Wasser abgiessen und das ganze 3 Mal wiederholen. Mit Wasser und ausreichend Zucker ansetzen und langsam einkochen. Darf nicht karamelisieren. Wenn alles Wasser verkocht ist, die kandierten Streifen auf einem Teller (am besten auf Wachspapier) auslegen und trocknen lassen. Ist eine ziemlich klebrige Angelegenheit! Entweder in warme dunkle Schokolade tauchen oder kleinschneiden als das einzig geniessbare Orangeat verwenden.
Am 19. Dezember 2009 um 23:04 Uhr
sehr gut illustrierte, witzige Kochanleitung. Hast Du sicher selbst fotografiert, gratuliere.
Am 21. Dezember 2009 um 02:35 Uhr
na, das werd ich schnellstens ausprobieren, keine Frage!
mit Schokolade natürlich.
mjam!
Am 21. Dezember 2009 um 19:17 Uhr
Amen!
Jetzt brauch ich nur noch ein Geschenk für meine baldige Schwiegermutter. ;)
Das Rezept sieht nach Nachkochen aus. :) Danke dafür!
Am 26. Dezember 2009 um 12:53 Uhr
Liebe Heide, vielen Dank für das wunderbare Rezept und die politischen Informationen. Bisher dachte ich immer, dass Piraten meerfahrende, augenklappentragende Männer sind, die auf See großen Unsinn anstellen. Die Tokyo-Bilder haben mich sehr an Bangkok erinnert. Ich hoffe, du überlebst alles, bin erstaunt, dass du den intern. Führerschein hast (für was brauchst du denn den???) und wünsche dir einen guten Rutsch ins Jahr 2010 .. Liebe Grüße von mök mit Anhang, 2-, 3-und 4-beinig …