Piraten!
Liebe Leute, ich schreibe sehr selten in dieses Blog. Ich kriege deswegen hier und da eine Beschwerde von Mathias oder Frank und verspreche, mich zu bessern, aber ich bessere mich leider nicht.
Das liegt daran, daß ich fremdgehe – ich schreibe im Blog der Berliner Piratenpartei hier und da einen Beitrag, und mehr als ein, zwei Geschreibsel pro Monat schaffe ich nicht, damit hat sich meine Schreiblust meistens erschöpft. (sprich: Ich bin zu faul)
Ich bin der Piratenpartei im September 2007 beigetreten. Das war ein ganz spontaner Entschluss nach dem Lesen eines Artikels in der Telepolis; der Autor führte ein Interview mit einem Mitglied der Piratenpartei über deren Ziele und Vorstellungen. Mir hatte es die verschmitzte Ironie in diesem Artikel angetan und ich steckte meinen Antrag eine halbe Stunde später in den Briefkasten. Ich hatte nicht vor, aktiv mitzuarbeiten, aber ich fand, diese Jungs sollte man unterstützen. Und ich war sehr erleichtert, eine Gruppierung gefunden zu haben, die zum Urheber – und Patentrecht eine ähnlich kritische Meinung wie ich vertrat.
Aber es war nicht nur das. Als ich mich ein paar Tage später fragte, welcher Teufel mich wohl geritten habe, dass ich einer politischen Partei beigetreten bin – etwas, was ich bisher immer nur als peinlich für mich zurückgewiesen hatte - fand ich auf diese Frage noch zwei Antworten:
Das Konzept von Liquid Democracy, obwohl im Artikel nur grob umrissen, war für mich absolut faszinierend. Davon später mehr.
Ausserdem fand ich die politische Entwicklung in unserem Land beängstigend und suchte Gleichgesinnte, um mich nicht mehr so alleine zu fühlen.
Wenn man anfängt, regelmäßig im Internet Zeitungen zu lesen, Links zu folgen, Worte nachzuschlagen, Hintergründen nachzugehen, erfährt man viel mehr, als einem lieb ist. Man erfährt auch, dass es eine Menge Dinge gibt, die man nicht wissen darf. Man bekommt ein Gefühl für die alltägliche Manipulation und man fängt an, Nachrichten anders zu werten. Wenn man sich andere Nachrichtenquellen als die üblichen Tageszeitungen sucht, sich genauer über die Vorratsdatenspeicherung, das Zugangserschwernisgesetz, den RFID-Chip, das BKA-Gesetz usw informiert, dann ist man erschüttert, wie sehr man belogen und betrogen wird. Von den Politikern und von der offiziellen Presse, die denen in die Hände spielt. Mein Vertrauen in die parlamentarische Demokratie, so wie sie sich jetzt gerade bei uns darstellt, ist bei weit unter Null angelangt. Für die meisten Politiker empfinde ich nichts als Verachtung. Und weiß dabei noch, dass ich nur die Spitzen der Eisberge kenne. DAS ist beängstigend!
Wir haben alle Internet, sonst könntet ihr mein Blog hier nicht lesen – aber was fangt ihr eigentlich damit an? Ein bisschen bei Wikipedia nachschlagen und Bücher einkaufen? Mehr nicht? Ich bin doch auch nur ein mäßig interessierter Goldschmied, der gerne herumwerkelt, sich um seine Kinder kümmert und an seiner Wohnung rumbastelt. Aber irgendwie bin ich in diesen Informationssog geraten, ich kann meine Augen und Ohren nicht mehr zuschließen. Ich kann auch nicht mehr stillsitzen und abwarten, dass es vielleicht mal wieder besser wird, ich muss vor lauter Unruhe und Besorgnis irgendetwas unternehmen.
Seit dem 11. September 2001 sind unsere Bürgerrechte immer mehr beschnitten worden und die Schnelligkeit, mit der die Anti-Terror-Gesetzgebung aus dem Hut gezaubert wurde, läßt darauf schließen, dass die Entwürfe längst schon fertig in den Schubladen lagen. Und plötzlich leben wir in einem Überwachungsstaat, gegen den die Stasi-verseuchte DDR von damals geradezu harmlos wirkt – besonders deshalb, weil er von den meisten Leuten kaum als solcher wahrgenommen wird. Ich denke, wir sind dazu verpflichtet, etwas dagegen zu unternehmen. Zumindest müssen wir uns sehr viel genauer informieren, wir müssen wachsam sein, wir dürfen uns nicht mit der Tagesschau als einziger Nachrichtenquelle zufrieden geben. Nutzt man das Internet gezielt als Informationsquelle, erweitert man nicht nur seinen Horizont, man begegnet auch einer neuen Form von gesellschaftlicher Gestaltung.
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Das Internet revolutioniert still, leise und stetig die Welt. Es ermöglicht uns, uns anderen mitzuteilen. Es ermöglicht uns, Ideen, Werke, Informationen schnell und einfach auszutauschen, gemeinsam zu erarbeiten, einzubringen zum Nutzen und Wohle aller. Das hat in jedem Lebensbereich und in allen Politikfeldern gravierende und sehr positive Auswirkungen. Die Mentalität des Teilens ist essentiell. Wer teilt, gewinnt dazu. Wer teilt, lebt ein sinnvolles Leben. Wer sich an anderen bereichert, hat in letzter Konsequenz verloren. Diese Mentalität erschüttert unsere bisherigen Machtstrukturen ganz erheblich. Aus diesem Grund sind die Bestrebungen, das Teilen einzuschränken oder zu verbieten so stark geworden. Und daraus ist die Piratenbewegung entstanden. Um das Teilen zu beschützen und weiterhin zu ermöglichen. Damit sich alle bilden können, damit alle teilhaben können, damit alle zusammenarbeiten können, damit sich alle inspirieren lassen können zu eigenen Schöpfungen - die Liste würde ellenlang und mündet in einer Vision von einer Welt, in der es sehr viel menschlicher zugehen wird, als das jetzt der Fall ist.
Ich bin von den Möglichkeiten, die das Internet bietet, von Anfang an begeistert gewesen. File-sharing zum Beispiel, ist für mich eine wunderbare Methode, mit Anderen zu teilen, und ich frage mich bis heute, warum das, was ich früher analog gemacht habe – mir Platten ausgeliehen und sie auf Kassetten kopiert – heute als digitaler Vorgang plötzlich strafbar ist.
Mit Hilfe des Internets kann man sich vernetzen. Man kann extrem schnell Infomationen austauschen, mit Anderen diskutieren, sich organisieren, sich gegenseitig unter die Arme greifen, wenns nötig ist, und man kann sogar abstimmen. Ohne Zeit für Wege zu verschwenden. Man kann an ganz vielen Prozessen teilhaben, wenn man will. Man kann sich eine fundierte Meinung bilden, und man kann selbst meinungsbildend sein. Das Internet ist keine Einbahnstrasse - wenn man Fragen stellt, werden sie beantwortet. Im Internet ist Kommunikation auf Augenhöhe möglich. Das Internet ist strukturell demokratisch. Wir können und müssen das nutzen.
Innerhalb der Piratenpartei wird an einem Konzept gearbeitet, das sich Liquid Democracy nennt. Liquid Democracy soll es möglich machen, diese rasant wachsende Partei so zu organisieren, dass sie wirklich von den Mitgliedern gestaltet wird. Die Piratenpartei will ohne Hierarchien auskommen, sie bietet jedem Mitglied alle Möglichkeiten zur Mitarbeit in jeder Form an. Das erinnert ein bisschen an die Grünen in ihren Anfängen – aber wir werden nicht so traurig enden wie die Grünen, die vor zehn Jahren endgültig ihre Unschuld verloren haben, als sie Joschka Fischer in den Kosovo- Krieg gefolgt sind. Wir haben etwas, was die Grünen nicht hatten – wir haben das Internet, um uns wirklich demokratisch zu organisieren, und das werden wir auch tun. Ein Joschka Fischer hätte bei den Piraten keine Chance. Und wenn die grüne Basis erstmal merkt, wie gut Meinungsbildung und Mitgestaltung bei uns funktionieren – dann will sie das sicher auch haben. Liquid Democracy soll unser Exportschlager werden, unser trojanisches Pferd, mit dem wir die Parteien verändern wollen, unser Demokratie-Virus, an dem wir solange arbeiten werden, bis er auch Kommunen und irgendwann auch Länder erreicht.
Deswegen bin ich dabei. Und mache Wahlkampf, obwohl ich viel lieber an dem Konzept von Liquid Democracy weiterarbeiten würde. Als wir unseren letzten Landesparteitag hatten, Anfang diesen Jahres, waren wir mal grade gut fünzig Leute in Berlin, von denen so etwa zwanzig wirklich aktiv waren. Damals mußten wir Kandidaten für die Bundestagswahl aufstellen, und weil es blöd ausgesehen hätte, wenn da gar keine Frau auf der Liste gestanden hätte, hab ich mich aufstellen lassen. Es war ganz einfach niemand anderes da. Hätte ich gewußt, was das plötzlich für eine Dynamik entwickelt, hätte ich mir das dreimal überlegt.
Wir haben jetzt 670 Mitglieder allein in Berlin, und die sind hochmotiviert – das ist ansteckend und anstrengend zugleich. Im Moment frißt mich das auf, ich komme zu nichts anderem mehr. Zum Glück dauert es nur noch eine Woche. Dann können wir wieder in Ruhe an der Weltrettung arbeiten - was viel mehr Spass macht…
So, und wenn ihr jetzt immer noch nicht wißt, was ihr wählen sollt: Na, dann wählt einfach mich - ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!
Achja, und falls ihr euch mal zu ein paar Kommentaren hier durchringen würdet, dann hätte ich wesentlich mehr Lust, hier öfter zu schreiben…
Am 23. September 2009 um 10:38 Uhr
oO du hast ein Weblog? *staun*
(zu lange Texte schrecken den normalen Internetnutzer ab, verwirren ihn und machen Angst)
Am 23. September 2009 um 12:45 Uhr
ja, da staunste!
…ich will übrigens auchma Verwirrung, Angst und Schrecken verbreiten. *zufriedenkuck*
Am 23. September 2009 um 14:01 Uhr
…NOCH mehr als sonst?!
btw bitte ich dich, im Sinne des Seitenbetreibers, hier nicht unnötig herumzuspammen.
Am 30. September 2009 um 10:56 Uhr
Gratuliere zum Artikel…und zum Wahlausgang!
Am 1. Oktober 2009 um 08:45 Uhr
jetzt bin ich gerade dazu gekommen Deinen Artikel zu lesen.
Tja es ist leider oder zum Glück, nachdem Wahlausgang passiert.
Leider: Weil, der Elan den ich während der Lektüre empfunden habe war sofort
weg, als ich damit fertig wurde. Die Realität hat mich eingeholt: WIR HABEN
JETZT SCHWARZ - GELB !!! Der Eindruck, den der Artikel bei mir hinterlässt
ist Naivität. Unbegangenheit ist aber da notwendig! Die Grüne waren es auch.
Zum Glück: Weil nach so viele Engagement und Glauben an Eure gute Sache,
wäre ich ganz schön niedergeschlagen gewesen zu sehen, dass die Leute ganz
schön stupid sind. Aber immerhin habt Ihr bessere Ergebnisse als DVU u.ä.
erzielt. Da ist meine Funke Hoffnung und Bestätigung, dass ohne diese
Unbefangenheit nichts möglich ist.
Wie blöd kann man sein um zu glauben, dass in einer Zeit wo wir ständig mit
Finanzkrise, massiven Jobabbau, Abstriche in der Sozial und Bildungspolitik,
schwarz-gelbe die Lösung ist? Wenn das keine Medien Manipulation ist…
Also doch Deiner Artikel hat mich überzeugt, dass es Wege gibt, für
diejenige, die wirklich etwas ändern möchten. Wir müssen aber auf Schäubl
achten!!! Ich bin jetzt angesteckt und werde mich mit Liquid Democratie
beschäftigen auch wenn diesen englischen Namen mich wirklich nicht gefällt.
Vielleicht nehme ich demnächst die deutsche Staatsangehörigkeit um mit zu
machen…