Herr Schröder und die rote Zora

…aus gegebenem Anlass veröffentliche ich aus meinen streng geheimgehaltenen Memoiren einen kleinen Auszug…

(höhö)

Ich hatte mir einstens einen Europaführerschein besorgt. (wozu auch immer) Bei einem Amt.
Dieses Amt heißt “Bürgeramt” in neudeutscher Mundart.
Früher hiessen diese Orte Einwohnermeldeamt und man war dazu verdammt, ein „zuständiges“ zu konsultieren, wobei die paar Zehlendorfer ein gepflegtes, luxuriös spärlich frequentiertes Amt mit wohltuend leeren Gängen ihr Eigen nannten, während zum Beispiel die Neuköllner – ach, reden wir nicht über das Neuköllner Einwohnermeldeamt, reden wir am besten garnicht über die Neuköllner…

Jedenfalls kann man sich mittlerweile, im Rahmen einer schleichenden Auflösung und Verfalls guter deutscher Amtssitten sein Bürgeramt selber aussuchen, und unter der Hand bekam ich einen Tip für das Bürgeramt mit der kürzesten Wartezeit: …NIE länger als zwei Minuten, du glaubst es nicht…
Es gibt kaum etwas Entnervenderes als zu warten, und ausserdem ist es immer wieder aufregend zu reisen. Ich machte mich also auf den Weg zu einem Ort namens Oberschöneweide (jaja… da sagen die Wirklich Witzigen Leute Oberschweineöde zu, wissen wir ja… *gähn* )
Man fährt mit der S-Bahn dahin und steigt irgendwann im Irgendwo aus und findet sich wieder inmitten einer polnischen Kleinstadt, die der lange Arm des Kapitalismus mit einem kleinen Finger gerade zu kratzen anfängt. Jedenfalls sieht es da akkurat so aus. Myslyborzc oder so..
Das Bürgeramt, ein kleines Backsteinhäuschen, von einem unaufgeregtem Architekten ordentlich saniert, umspült von den Wogen einer Ausfallstrasse, ist eingerahmt von so abartig gesichtslosen Häusern, daß man aus Angst, beim näheren Betrachten dieser Bauwerke vorzeitig zu erblinden, sich wie ein Selbstmörder todesmutig in die Wogen der Ausfallstrasse stürzt, die Augen starr auf das stillzufrieden daliegende Backsteinhaus gerichtet, nichts als hinein, hinein will man da, entkommt mit knapper Not der Mittelklasseblechlawine, öffnet eine schlichte Tür und da ist man…uff, gerettet.
Verblüfft.
Denn man betritt ein Entré, eine Art Empfangssalon…ein paar Stühle, eine Rezeption, nichts als Tageslicht.
Hinter der Rezeption ein Mädel mit wilden, hennarot gefärbten Haaren, die wohl ihre grade beim Friseur weilende Mama vertritt.
Sie fragt nach meinem Begehr und freut sich, weil ich sowas Schönes, Unkompliziertes möchte. Mit Begeisterung für das Wahre und Gute überreicht sie mir einen Zettel mit einer Nummer drauf, erklärt mir die architektonischen Besonderheiten ihres Hauses (….die Amtsräume sind alle im oberen Stockwerk, aber wir haben auch Toiletten im Zwischengeschoss…) und empfiehlt mir, die Bequemlichkeiten des Interieurs zu nutzen; aber dazu kommt es nicht, denn schon blinkt meine Nummer auf dem Display, und bevor ich mich auf irgendeinem Stuhl niederlassen könnte, steige ich die Treppen empor zu den Amtsräumen, finde den mir zugewiesenen, trete ein und unterbreche eine muntere Diskussion über die neuen amerikanischen Einreisebestimmungen, an der sich die Damen an ihren Schreibtischen sowie das Publikum gleichermassen beteiligt.
Wiederum: Nichts als Tageslicht.
Ich darf nu endlich mal Platz nehmen, krame meinen ausgedruckten Antrag hervor, ernte ein warmes Lob dafür, dass ich ihn so schön mit dem Computer ausgefüllt habe, darf meine EC-Karte in den kleinen Automaten stecken, ohne mich auch nur einen Zentimeter von meinem Stuhl zu rühren, (…wir haben nämlich schon ganz schön neue Technik hier…) bekomme eine Quittung ausgestellt und mit mitfühlendem Bedauern mitgeteilt, daß das aber so seine Zeit dauere mit dem neuen Führerschein…mit zwei Monaten müßt ich schon rechnen…

Ob das das Tageslicht macht?
Lauter nette und kompetente Leute in einem Bürgeramt. Ich war schwer beeindruckt! Nach knappen sieben Minuten hatte ich meine Angelegenheit beendet und stand wieder draussen. In äh..Oberschöneweide-Myslyborsz.

Ich beschloss, diesen interessanten Ort sofort zu verlassen und ihn beim Abholen meines Führerscheins näher in Augenschein zu nehmen. Vielleicht.
Der Sommer verstrich und ich machte mich abermals auf den Weg in die Ödnis des Berliner Südostens, in der das beste aller Bürgerämter in einem Backsteinhäusschen gleichsam wie eine Oase in der Wüste liegt.
Diesmal benutzte ich als Ortskundiger und fast schon Einheimischer die Unterführung und schonte so Nerven und Hacken.

Die rothaarige Schönheit lümmelte schon wieder hinter der Rezeption herum und flirtete mit einem wackeren Bürgersmann. Sie schien doch tatsächlich zum Personal zu gehören.
Still und leise, um nicht etwaige zarte Anbahnungsversuche zu unterbrechen, stellte ich mich irgendwohin und versuchte, diskret woanders hinzukucken, aber sie unterbrach sich mit erfrischender Unbekümmertheit und wies mich ohne Umstände, Zettel, Nummern und Federlesens wiederum in den ersten Stock in ein anderes Zimmer (…denn Sie wollen ja bloss abholen, oder? Da müssen Sie nicht warten…gehen Sie einfach nur rein zu unserem Herrn Schröder…)
So lernte ich Herrn Schröder kennen.
Auf den war ich völlig unvorbereitet.
Meine gesammelte Lebenserfahrung reichte nicht aus, um mich auf Herrn Schröder irgendwie einzustimmen, ja, ihn auch nur zu erahnen, war mir unmöglich.
Herr Schröder, ein Herr mittleren Alters, und zwar des ganz und gar unbestimmbaren mittleren Alters, trug einen Pepita-Anzug und eine Fliege. (Könnt ihr nicht mal einen Moment innehalten und euch das vorstellen? Einen Pepita-Anzug! Und eine Fliege!!)
Er residierte in einem kleinen Büro am Ende des Ganges -Tageslicht – mit einem großen Bücher- und Aktenregal, einem Schreibtisch und zweien bequemen, sesselartigen Stühlen ausgestattet, so daß man sich beinahe wie beim Psychater vorkam.
Er winkte mir, doch einzutreten und bat einer Handbewegung darum, die Tür offen zu lassen; wie es schien, mochte er offene Türen.
Dann lächelte er ein angedeutetes Heinz-Erhardt-Lächeln und wies als nächstes auf den Sesselstuhl, denn er telefonierte.
Ich setzte mich und hörte, durch sein Lächeln ermuntert und eingeladen, ungeniert zu.
Herr Schröder telefonierte mit Hingabe und Muße. Er lächelte abwechselnd mich und den Hörer an, strich sich über sein spärliches Haar, erklärte nochmals, beruhigte, ermunterte, versprach, begann von vorn, lächelte, legte den Kopf schief, hörte sinnend zu und begann wieder von vorne.
Schießlich hatte er das Wesen am anderen Ende überzeugt, daß es nun auch garnichts mehr zu sagen gäbe, daß ihre Passangelegenheit in seinem Amt in den wirklich allerbesten Händen läge, daß er sich selbst persönlich vom Fortgang der Angelegenheit überzeugen würde, ja, täglich, und ihr sofort, aber auch sofort Nachricht geben wolle, sobald sie ihren Pass abholen könne.
Behutsam legte er den Hörer auf.

Dann wandte er sich mir zu.

„Sie sind so geduldig, wie Sie reizend sind, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf…“
Er verneigte sich im Sitzen in meine Richtung und zupfte kurz am Sitz seiner Fliege.
„Womit kann ich Ihnen dienen?“

Hätte ich ihm nicht schon eine Weile zugehört, mir wäre doch tatsächlich der Mund offen stehngeblieben. So aber konnte ich ihm errötend verraten, daß ich nichts als meinen neuen Führerschein bei ihm abholen wolle.

„Wenn Sie so freundlich wären, mir Ihren Alten auszuhändigen?“
Er erhob sich und begann in einer Registratur zu blättern.
„Hier haben wir ihn auch schon…voila..“
Er fischte eine Unterlage hervor, der er meine neue Führerschein-Chipkarte entnahm.
„Und Sie wollen ihren alten Führerschein behalten? Das kann ich gut verstehn. Ich würde mich auch ungern von dem guten Stück verabschieden…Na, dann werde ich ihn mal ganz vorsichtig ungültig machen…nicht das ich noch auf Ihr hübsches Foto stempele…keinen Tag älter sind Sie geworden, wirklich und wahrhaftig…bittesehr…“
Charmant lächelnd überreichte er mir meine beiden Führerscheine und verabschiedete mich mit einer kleinen Verbeugung, welche gleichzeitig einen neuen Besucher hereinkomplimentierte…

Bürgeramt II
Leitung: Frau Heine
Info-Telefon: (030) 6172-4000
Fax: (030) 6172-4021

Michael Brückner Str. 1, 12439 Berlin

S-Bahnhaltestelle Schöneweide

Mo 8.00-15.00 Uhr
Di 11.00-18.00 Uhr
Mi 7.00-13.00 Uhr
Do 11.00-19.00 Uhr
Fr 8.00-13.00 Uhr

Eine Reaktion zu “Herr Schröder und die rote Zora”

  1. charlie

    Schön, schön. Nur wenn du jetzt alles der Öffentlichkeit preisgibst, wird es dann dort nicht voller? Und vielleicht bekommen die netten Leute dort jetzt eins aufs Dach vom Vorgesetzten, denn in einer Behörde darf das Arbeiten nicht und unter gar keinen Umständen Spass machen!

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