neuköllner slum
ich habe meine Jungs mal gefragt, ob sie nicht doch lieber auf eine andere Schule gehen wollen, als auf diese Gesamtschule mit achtzig Prozent Ausländeranteil. Bucki, mein Pragmatiker, verneinte, weil seiner Ansicht nach könne er dort mit dem geringstmöglichem Aufwand das Abitur machen. Pauli, mein hochbegabter Schulversager, verneinte ebenfalls. Er fand, daß ihm die Schule einiges gebracht hätte. WAS denn, fragte ich ihn mißmutig. Sich durchzusetzen, antwortete er. Und wie willst du das machen? Du willst dich doch nicht prügeln, antworte ich, und denke an Lukes blaues Auge, mit dem er vor kurzem hier auftauchte.
Letztens sind drei Jungs hinter mir her gelaufen und haben ein bisschen rumgepöbelt, erzählt er daraufhin. Was ich denn für ein blödes T-shirt anhätte…was denn SLIPKNOT bedeuten würde…da hab ich mich umgedreht und hab gesagt, das ist griechisch und heißt: wer das liest, ist blöd. Da mussten die erstmal stehenbleiben und nachdenken. Und zum Nachdenken brauchen die eine Weile. Damit sind die so beschäftigt, daß sie einen in Ruhe lassen.
Er schmunzelte ein bisschen und setzte dann fort:
Nein, im Ernst: Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Die meisten sind Angeber und Angsthasen und eigentlich ganz nett. Wenn man hier wohnt, muss man hier auch in die Schule gehn. Sonst traut man sich nicht mehr auf die Strasse. Oscar (der jeden Morgen in die JFK gefahren wird) findet es hier ziemlich unheimlich. Ich finde es hier gut.
Das war immerhin ein Argument.
Oscar ist vor ein paar Tagen auf der Strasse überfallen worden. Allerdings war das auf dem Kurfürstendamm, von einer Gruppe junger Russen. Das hat sein Weltbild um einiges erweitert.
Ich wünschte Herrn Schäuble ein halbes Jahr lang ein Einkommen von 1200 Euro und eine Wohnung in Neukölln. Das würde SEIN Weltbild auch um einiges erweitern. Oder auch nicht. Manche Leute sind ignorant von Geburt an. Ich jedenfalls lebe ganz gern in Neukölln und werde hier nicht wegziehn.